In Zukunft anders? Musiktheater zwischen Institution, Digitalität und Künstlerischer Forschung

Marie-Anne Kohl (mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien), Silvia Bier (Universität Bayreuth)

 

Die Oper befindet sich im Wandel. – doch ist nicht der Wandel seit ihrer Entstehung konstitutiv für die Gattung? Wie wird sie sich weiterhin angesichts sich verändernder gesellschaftlicher und finanzieller Bedingungen entwickeln? Wie wird das Musiktheater in 10 oder 100 Jahren aussehen? Die Fragen, welche die Gegenwart an das Musiktheater stellt, drehen sich um Chancen neuer Technologien, das Erreichen eines neuen Publikums und die Rolle des Live-Erlebnisses Oper. Wandel und Krisen bilden Potentiale, denen sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen kreativ zuwenden, um Musiktheaterkonzepte für die Zukunft zu erforschen, zu diskutieren und – vor allem – zu gestalten. Dies regte die Vortragsreihe „Oper und Co. für die Zukunft!? Musiktheater zwischen Institution, Digitalität und Künstlerischer Forschung“ am Forschungsinstitut für Musiktheater (fimt) der Universität Bayreuth, initiiert von Anno Mungen im Wintersemester 2023/24, an und näherte sich den Fragen mit drei thematischen Feldern, die von den Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des fimt kuratiert wurden: Institution und Raum (Ulrike Hartung), Technisierung und Digitalität (Marie-Anne Kohl) sowie Künstlerische Forschung und neue Formate (Dominik Frank).

I. Institution und Raum

Das erste Themenfeld eröffnete die Vortragsreihe mit Stimmen aus der Praxis. Dazu gehörte, sowohl Vertreter:innen öffentlich getragener Häuser als auch freie Akteur:innen zu hören. Die strukturell sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen brachten dementsprechend heterogene Position in die Diskussion ein und beleuchteten die Theaterpraxis aus verschiedenen Perspektiven, was Schlaglichter auf spezifische Herausforderungen - der Gegenwart und der Zukunft - und Herangehensweisen lenkte. Raum war dabei sowohl wörtlich (z.B. Raumkonzepte wie die Raumbühne, virtuelle Räume wie Youtube usw.) als auch metaphorisch (Oper als Raum-Zeit-Kunst) zu verstehen. Der Begriff der Institution meinte ebenso zweierlei: die Einrichtung Opernhaus und alternative Produktions- und Aufführungsstrukturen als auch Oper im institutionalistischen Sinne als oftmals unkritisch angenommener Teil kultureller Praxis.

Die Grenze zwischen Aufführungsraum und Publikumsraum nehmen die Opern-Projekte des Teams um Florian Lutz in den Blick. Kornelius Paede beschreibt die Möglichkeiten der Raumbühnen im Musiktheater, wie sie am Staatstheater Kassel erfolgreich erprobt wurden, und deren Einfluss auf Spielpläne und ästhetische Konzepte. Raumbühnen, wie ANTIPOLIS, bieten immersive und partizipative Erlebnisse, die die Zuschauenden aus verschiedenen Perspektiven einbeziehen. Dieses Konzept eines „Theaters des Erlebnisses“ fördert die aktive Teilnahme des Publikums und hinterfragt traditionelle Opernkonventionen. Interaktion und Partizipation werden hier für die Zukunft des Genres in den Fokus gestellt.

II. Technisierung und Digitalität

Nicht lange bevor die Vortragsreihe kuratiert wurde, aus der diese ACT-Ausgabe hervorgegangen ist, machte ein (scheinbar) neues digitales Tool deutschlandweit Schlagzeilen und sorgte für Furore: ChatGPT. Großes Entsetzen machte sich breit unter Lehrenden an Universitäten sowie unter Kulturschaffenden gleichermaßen angesichts der noch unwägbaren sozialen und ästhetischen Auswirkungen dieses maschinellen Vorstoßes in die ureigensten Sphären menschlicher Kreativität. Nicht zu unrecht, sehen wir uns doch inzwischen lediglich am Anfang eines grundlegenden gesellschaftlichen Umbruchs mit bislang völlig ungeklärten Konsequenzen. Bei all den offenen Fragen und berechtigten Sorgen sei jedoch daran erinnert, dass Kulturpessimismus und Technikangst eine historische Konstante entlang fortschreitender Technisierung der Alltags- und Kunstwelt darstellen. So ist es sehr wohl begrüßenswert, dass sich rund um das Thema KI eine neue Debattenbreite aufgetan tan: Debatten darüber, was eigentlich künstlerisch, was kreativ und was menschlich ist, über Produktionsmittel und -zusammenhänge, Verantwortung und Verantwortlichkeiten, auch über Fragen von Demokratie und von Entscheidungsprozessen, natürlich über die Relation von Mensch und Maschine.

Zugespitzt stellt sich wohl insgeheim die Frage nach der Notwendigkeit menschlicher Präsenz. Diese stellte sich bereits in anderer Form und anderer Betonung, nämlich als Frage nach der Notwendigkeit menschlicher Präsenz, in der kürzlich in seiner Hochphase von uns allen durchlebten Corona-Krise, in der unsere raum-zeitliche, physische Ko-Präsenz erheblich eingeschränkt war und somit auch die Möglichkeiten von Musik- und Theater-Machen und -Erleben. Social distance, eigentlich die physische Distanz, war das Gebot der Stunde, und Musiktheater, Konzert und Aufführung mussten ganz neu gedacht werden, wurden quasi ohne Vorbereitungszeit auf eine vorher nicht denkbare Art und Weise technisiert und z.T. ins Digitale verlegt. Die sozial, psychologisch und ökonomisch nicht nur, aber eben in besonderem Maße für Akteur*innen der Kultur-, Kunst-, Musik- und Theaterlandschaft katastrophalen Folgen sind unumstritten und fordern auf zu einer Auseinandersetzung mit und einer langfristigen wissenschaftlichen, historischen und politischen Aufarbeitung der Pandemie. Künstlerisch betrachtet evozier(t)en die plötzlichen, einschneidenden Einschränkungen bei vielen Kulturschaffenden auch ein großes Bedürfnis – wie bspw. in der letzten Sitzung der Ringvorlesung mit Florian Lutz und Kornelius Paede vom Staatstheater Kassel angeklungen – nach einem konstruktiven Umgang mit den Herausforderungen. Dazu gehört es, auch das Potential zu sehen, Musik-/Theater neu zu denken, sowohl ästhetisch als auch hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Relevanz. Für die Reihe hatten wir diese durch und durch zeit-aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen aufgegriffen und in Bezug auf Musiktheater benannte Unsicherheiten und Herausforderungen, vor allem aber auch die Potentiale sowie die sozio-kulturellen Dimensionen betrachtet, die neue Formen von Technisierung und Digitalität mit sich bringen. Vier Redner*innen waren eingeladen, die aus ihrer künstlerischen, musiktheatralen Praxis erzählten, in der Technik, Digitalität und/oder Maschinen eine zentrale Rolle spielen, und zwar sowohl in ihrer Anwendung (also der Verwendung technischer, maschineller, digitaler Instrumente und Gegenstände), als auch als inhaltlicher Gegenstand.

Der Komponist Mathis Nitschke, der sich als zwischen den Disziplinen arbeitenden Künstler versteht, stellt in seinem Beitrag „Was ist eigentlich Oper?“ die ganz großen Fragen an die Gattung. Dreh- und Angelpunkt seiner eigenen Opern ist die Auseinandersetzung mit der menschlichen Stimme, der Artifizalität des Operngesangs und den Potentialen elektroakustischer Erweiterungen, die ihn zu einer Neuinterpretation des klassischen Gesangs führt.

Bernhard Glocksin stellte in der Vortragsreihe die Produktionen der Neuköllner Oper, deren künstlerische Leiter er seit 2004 ist, vor, mit denen auf die Covid-19-Pandemie reagiert wurde. Seine Darstellungen wurden von Lidiia Krier aufgegriffen, welche die Vortragsreihe als Studentin besucht hatte und für das ACT-Heft die durch die Produktionen vorgestellten Veränderungen im digitalen Musiktheater aufarbeitet. Im Fokus ihrer Analyse steht dabei neben der Beschreibung der einzelnen Produktionen das neu auszuhandelnde Verhältnis von Publikum, Darstellenden und Dargestelltem und die Frage danach, was eigentlich eine musiktheatrale Aufführung ausmacht.

Das Ensemble Gamut Inc unter der Leitung von Marion Wörle und Maciej Śledziecki reflektiert über die Rolle der Künstlichen Intelligenz in der Kunst, die beeindruckende Bilder erzeugt und unweigerlich die Frage stellt, ob sie die Kreativität und Einzigartigkeit menschengemachter Kunst ersetzen kann. In ihrer künstlerischen Arbeit greifen sie auf den Retrofuturismus zu, um die Gegenwart zu umgehen und sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu blicken. Prägend ist dabei der unterschiedliche Hintergrund der beiden Künstler*innen, aus der musikalischen Komposition und der Architektur kommend. In ihrem Beitrag berichten sie über die Genese und Gestalt ausgewählter Werke, die durch Verwendung verschiedener Medien, auch automatisierter Instrumente, das Verhältnis von Kunst und Technologie immer wieder neu aushandeln. Ihre künstlerische Position in Bezug auf das Musiktheater wird dabei klar: die Konfrontation mit aktuellen Themen und die produktive Auseinandersetzung mit neuen Technologien werden den Weg des Musiktheaters in die Zukunft prägen.

In der Vortragsreihe stellte auch die Komponistin Annesley Black in dem Beitrag „Digital Blood“ ihre Arbeiten vor. Hinter dem Titel verbarg sich zum einen der Titel der gleichnamigen Elektro-Operette, die sie 2022 gemeinsam mit dem Kollektiv Kinky Muppet entwickelt hatte. Zum anderen war Digitalität ein zentrales Thema ihres Redebeitrags neben Fragen kollektiven Arbeitens, der Durchdringung ihrer Kompositionspraxis durch Technisierung sowie der Nachhall der Corona-Pandemie auf eine aktuelle künstlerische, insbesondere musikalische Praxis.

III. Künstlerische Forschung und neue Formate

Als Kunstform einerseits nicht mehr zeitgemäß zu sein, andererseits in zu progressive Ausdrucksformen zu streben, sind nur zwei der häufig diametralen Kritikpunkte, mit der sich die Musiktheaterpraxis konfrontiert sieht. Schrumpfendes Publikum und Sparzwang sind Ursache und Wirkung zugleich. Wenn der Oper als Kunstform die Veränderung und Wandlungsfähigkeit eingeschrieben ist, darf nicht übersehen werden, dass auch die Zuschauenden sich wandeln: ein medienüberflutetes Publikum bringt andere Erwartungen und andere Voraussetzungen mit in das Theater als jenes einer weitgehend analogen Welt vor 30 Jahren.

Reinhard Gagel berichtet über sein Musiktheaterformat "Offhandopera" (!OHO!), das auf musikalischer und stimmlicher Improvisation basiert und ohne vorherige Proben ad hoc aufgeführt wird. Es entsteht als kollektives Kunstwerk, dessen flexible Elemente und Parameter sich im Zusammenspiel einen eigenen, unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Weg bahnen. Die einzige Vorgabe ist die Textgrundlage. Gagels „Offhandopera“ ist damit ein Beispiel für ein Musiktheaterformat, bei dem der kreative Prozess im Mittelpunkt steht und die Grenze zwischen Performer*innen und Zuschauer*innen sich aufzulösen beginnt.

In ihrem Beitrag „Musiktheater für die Stadtgesellschaft“ thematisiert die Musikdramaturgin Christiane Plank-Baldauf partizipative und stadtteilbezogene Musiktheater-Projekte und deren Potential, die künstlerische Zusammenarbeit im Musiktheater nachhaltig zu verändern und neue dramaturgische Konzepte hervorzubringen. Dabei beschreibt sie ausführlich die Bemühungen von Kulturpolitik und von Theatern, etwa unter dem Schlagwort sogenannter aufsuchender Kulturarbeit, eine diversere Zuschauerschaft anzusprechen und Austausch und Kooperation anzuregen.

IV. Überblick und Weitblick

Christa Brüstle begleitete die Vortragsreihe als Kommentatorin und positioniert die Inhalte für ACT nochmal in einen größeren Kontext. Mit ihrer großen Kompetenz und Erfahrung in der Erforschung der Oper webt sie die Fäden der einzelnen Beiträge und regen Diskussionen zusammen und steckt damit auch ein perspektivisches Feld für die Opernforschung der Zukunft ab.

Die Beiträge im vorliegenden Band von ACT sind eine Auswahl aus der Vortragsreihe. Sie blickten auf das Musiktheater aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichem Verständnis davon, was Oper und Musiktheater eigentlich ist, sein sollte oder sein kann: Künstler*innen, Intendant*innen und Forschende sowie in den Diskussionen auch Studierende und weitere interessierte Zuhörer*innen – wohlwissend, dass der kontinuierliche Wandel sich lediglich in einer Momentaufnahme fassen lässt und die Entwicklungen seit der Vortragsreihe fortgeschritten sind.

Ein abschließender Dank gilt allen Beteiligten der Vortragsreihe, sowohl in der Organisation und Kuratierung als auch den Referent*innen - auch jenen, deren Beiträge sich nicht in diesem Band finden: Merle Fahrholz, Daniel Moreira und Vendula Nováková, Kai Hinrich Müller und Volker Krafft, Tamara Quick, Matthias Schulze-Kraft, Bernhard Glocksin und Annesley Black. Herzlich gedankt sei auch dem Herausgeber der Zeitschrift ACT, Anno Mungen, für die Bereitschaft, eine Ausgabe der Vortragsreihe zu widmen, sowie Lidiia Krier für die umsichtige Endredaktion und technische Umsetzung von ACT.

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Keywords: Oper, Musiktheater, Inszenierung, Raum, Digitalisierung, Aufführungsformate, Künstlerische Forschung

Marie-Anne Kohl, Silvia Bier