Reinhard Gagel (Universität für Musik und Darstellende Kunst, Wien)
„Der Improvisator wie der Mime muss ganz dem Augenblick angehören, und das, was nachkommt, gar nicht denken, ja es gleichsam nicht kennen. Das Eigentümliche meiner Kunst z. B. ist, dass ich jede Einzelheit als Ganzes betrachte und mir nicht sage: da dies oder jenes nachfolgen wird, musst du es so und so machen, etwa so oder so modulieren; ich denke, das andre wird sich schon finden, anderswie wäre ich verloren; und doch weiß ich, dass ich unbewusst einem Plan gehorche.“
Richard Wagner1
Die Offhandopera, abgekürzt !OHO!, ist ein Musiktheaterformat auf der Basis musikalischer und stimmlicher Improvisation, das ich entwickelt habe und deren Aufführungen ich als Dirigent leite.
Eine !OHO! wird aus dem Moment, adhoc und (meist) ohne Proben aufgeführt. In jeder !OHO! vertonen (singen, sprechen, musizieren) Musiker*innen und Sänger*innen ein speziell geschriebenes Libretto ohne eine Kompositionsvorlage, vielmehr als kollektive Kreation auf Basis ihrer eigenen Erfindung und unter Leitung eines improvisierenden Dirigenten. Für Zuhörer*innen und Zuschauer*innen ist das Format attraktiv, weil neben dem Inhalt (d.h. der poetische Text oder eine Handlung) auch das Erfinden und Erarbeiten der jeweiligen Oper als Performance präsentiert wird. Das erklärt sich aus den besonderen Bedingungen improvisatorischen Arbeitens: Das Stück existiert vor seinem Beginn nicht (nicht einmal als Vorstellung) und wird nachher auch nie wieder so erklingen, der Verlauf und das Gesamtergebnis sind unvorhersehbar. Für mitwirkende Musiker*innen und Sänger*innen ist das Format interessant, weil der Fokus auf der eigenen Originalität und der kollektiven Kreation liegt. Hier finden sich Musiker*innen nicht in der interpretierenden Rolle, sondern finden sich zu einer (Kunst-)Gemeinschaft, die eine besondere Expressivität, Dramatik, eine frische Klanglichkeit, aber auch Komik und Spaß vermitteln kann.
Diese besonderen Bedingungen machen die !OHO! interessant und attraktiv: Sie ist ein Musiktheaterformat, das Kunst als Prozess, als Überschreitung, als momentane „Verzückungsspitze“ (Friedrich Nietzsche), nicht als hergestellte und effektiv verfeinerte Hochleistungskunst präsentiert. Sie stellt ein Werk als flüchtige und nicht zu wiederholende Aktion vor. Dieses Verfahren als funktionierende Strategie und gewisse kulturelle Provokation ist auch die Vision eines besonderen Musiktheaters, das kein vorgegebenes Klang-Material und keine strenge Stilistik zeigt, sondern von der Multistilistik der künstlerischen Klangwelten der Beteiligten entsteht.
Auch wenn es viele unterschiedliche Libretti – und damit Texte, Inhalte, Figuren, Konstellationen – gibt, kann man grundlegende Merkmale einer !OHO! benennen. Das betrifft die Musiker*innen und Sänger*innen, die mitwirken, die besondere Aufgabe des Dirigenten2, das zentrale Libretto und das Bühnen-Setting.
Mitwirkende
Eine !OHO! ist für unterschiedliche Zielgruppen adaptierbar: für ausgebildete, professionelle Musiker*innen und Sänger*innen und für interessierte (Improvisations-)Semiprofis und Amateurmusiker*innen. Die Komplexitäts- und Schwierigkeitsstufen, die Vereinfachung oder Ausdifferenzierung bestimmt das jeweilige Ensemble selbst. Eine !OHO! kann flexibel an verfügbare Besetzungen angepasst werden, sie kann kammermusikalisch ebenso wie orchestral auftreten.
Damit ist die !OHO! keine Oper im traditionellen Sinne, sondern ein Format zur Schaffung einer Oper aus dem Moment. Entstanden ist sie aus dem Musizieren für sich selbst, also als gemeinsame Aufführung ohne Publikum (ich vergleiche es mit der Camerata, den ersten Opernaufführungen im 16. Jahrhundert ohne Publikum im herzoglich-privaten Rahmen) kann sie aber auch in öffentlichen Zusammenhängen (als Konzert, als Performance) präsentiert werden. Die beispiellose Faszination für die Beteiligten ist, dass alle mit ihren jeweiligen Möglichkeiten zur Vertonung beitragen können und damit als Musiker*innen schöpferisch werden. Die Abkehr vom Alleinschöpfer-Prinzip, der Aufführung einer von einem Einzelnen komponierten Partitur, führt zur kollektiven Kreation und eröffnet eine neue Rolle für Musiker*innen und Sänger*innen.
Textpartitur/Libretto
Jede !OHO! basiert auf einem Libretto, das ich mit dem Wissen und der Aussicht auf eine spezielle Art von Aufführung geschrieben habe. Das Libretto liefert sowohl textlichen Inhalt als auch eine Form und einen Verlauf, es animiert zu Besetzungsvielfalt und schlägt auch Varianten und stilistische Besonderheiten (z.B. Jazz-, Pop-, Kirchenmusik- oder Opernstil) vor. Einige Libretti sind Bearbeitungen von kurzen Theaterstücken oder poetischen Texten, andere sind Textcollagen, zusammengestellt unter einem Thema (z.B. Wolken, Weiß, wunderliche Irrwege, Weltuntergang). Ein Textbuch (auf dem Lande nach einem Kinderbuch mit Texten von Ernst Jandl3) und seine Aufführung4 als !OHO! waren eine Auftragsarbeit zu einem Symposium der Universität Oldenburg.
Das Libretto liegt wie eine Partitur den Mitwirkenden bei der Aufführung vor. Eine durchdachte visuelle Ausgestaltung soll den momentanen Zugang für schnelle Umsetzung und größtmögliche Flexibilität für individuelle Beiträge ermöglichen. Es gibt Texte oder Textteile, die variabel oder austauschbar sind. Es gibt grafische Gestaltung durch bestimmte Druckweisen, die Umsetzung in Musik provozieren (Fettdruck könnte beispielsweise Lautstärkesteigerung bedeuten, aber auch Drucktypen, Groß- und Kleinschreibung). Es gibt grafische Elemente, aber wenig musikalische Notation, eher Vorgabe bestimmter Klangvorräte oder Vorgabe bestimmter, stilistischer Charakteristika. Das Layout soll auch arbiträr, das heißt vor allem in klanglicher Hinsicht offenbleiben, um Gestaltung eigener Ideen zu ermöglichen. Das Libretto wird in der Aufführung sofort realisiert, nicht im Vorhinein studiert und einstudiert.
Abbildung 1. Seite 2 aus dem Libretto Momente.Wolken.Splitter
© Reinhard Gagel 2017
Das Libretto Momente.Wolken.Splitter ist eine Collage von Textausschnitten von Klaus Reicherts Wolkendienst5, Roger Willemsens Momentum6 und Hugo Balls Wolken7. Schon der Titel ist eine Collage: Das Hauptthema Wolken wird von Momenten und Splittern umlagert. Damit ergibt sich ein vielfältiges Perspektiv-Kaleidoskop. Zusammen mit wissenschaftlichen Benennungen von Wolkentypen werden die kurzen Texte in ein vierteiliges Raster montiert. Auf jeder Seite finden sich so vier unterschiedliche Texte, die durch Nummern I a–d bis IV a–d bezeichnet sind. Das impliziert nur eine zählerische, keine qualitative Reihenfolge. Diese Texte werden im Verlauf der Oper situativ mit der jeweiligen Nummer angesagt, dieser Teil ist dann im Fokus und wird ausgestaltet. Möglich ist durch diese flexible Partitur auch, dass Reihenfolgen verworfen werden (z.B. I, III, II) oder dass die Teile a–d in kleinen Gruppen parallel oder übereinander erklingen. Diese Entscheidungen treffe ich als Dirigent situativ, es gibt keinen Plan, sondern das jeweilige Geschehen diktiert solche Eingriffe. Die Texte sind zum Teil durch Grafik beziehungsweise unterschiedliche Drucktypen in eine für Lautgestaltung günstige Form gebracht, andere, wie der Text von Roger Willemsen, werden schlicht gelesen. Man sieht, dass der Sinn der einzelnen Teile sich immer aufs Neue mit anderen Bedeutungen verbinden kann. Es ist dies kein streng indeterminiertes Verfahren (wie bei John Cages Theater-Kompositionen), aber es ermöglicht nichtlineares, multiperspektivisches Formen. Diese Form des Librettos habe ich in den letzten Jahren entwickelt; es gibt aber auch andere Stücke mit linearem Ablauf, beispielsweise mit narrativen Abläufen.
Dirigat, Rolle des Dirigenten
Der Dirigent ist die für den Ablauf verantwortliche Person. Ich ‚leite‘, das heißt ich strukturiere und animiere die musikalische Aufführung und nutze dafür einige vorher vereinbarte Hand- und Körpergesten – energetische musikalische Gestik. Ich gebe auch sprachliche Anweisungen, die damit Teil der Aufführung sind. Das Produzieren selbst ist theatrale Aktion. Das Publikum schaut beim Produzieren zu. Meine Leitung ist ,fluid‘: Sie basiert nicht auf einer festen Vor-Stellung eines Ablaufes, einer bestimmten Klanglichkeit, sondern ich ,lese‘ den Verlauf der entstehenden Musik, ich greife in Verläufe ein, ich gebe Impulse und Motive und nehme sie auf, ich strukturiere Teile, Abschnitte, Szenen usw., vor allem im Timing. Ich suche die musikalische Präsenz (Spannung) der Aufführung: „Ich kann die Musik mit Händen greifen“. Klang wird direkt geformt ohne Umweg über Notation, wird unmittelbar formbar und dynamisch. Die Spieler erfinden eigenständig im Zusammenwirken mit dem Dirigat. Es entsteht ein Resonanzfeld; das animiert Einzelne und ermöglicht chorische Passagen. Mithilfe des Dirigierens kann ich den Formungsprozess steuern und kanalisieren, Spannung und Präsenz halten. Damit kann gelingen, Prozesse zu fokussieren und eine Auswahl zu treffen: die musikalische Gesamt-Dynamik ebenso wie Klänge, Tonvorräte, Lautstärken, Tempi, Rubato, Timing, harmonische Zusammenhänge, Rhythmus, Body Percussion, Rezitation, chorisches Sprechen und Singen usw. Vor allem in großer Besetzung kann ich Überkomplexität, ein strukturelles Problem improvisierter Ensemble-Musik, durch gezielte Eingriffe und Steuerung mildern.
Bühne
Das Bühnen-Setting wird für jede Aufführung einer !OHO! speziell eingerichtet je nach Mitwirkenden, Raum, Thema usw. Allgemein kann man aber Folgendes sagen:
Die Besetzung der !OHO! ist in der Aufführungspraxis variabel:
Eigentlich braucht die !OHO! keine besonderen Räume, sie kommt ohne Bühnentechnik aus, entfaltet sich auch in normalen Konzerträumen oder Mehrzweckräumen. Man kann die Wirkung und die Entstehung der !OHO! verstärken durch einen speziellen Raum, durch Lichtregie (z.B. in Linz und Berlin), durch eine besondere Aufstellung der Mitwirkenden, durch besondere Aufführungs-Zeiten (z.B. Nachtmusik).
Abbildung 2: Momente.Wolken.Splitter, Musikuniversität Wien 2019
© Johann Bucher
Entstehung von Musik als Performance
Die ästhetische Form einer !OHO! ist weniger Konzert als Performance, vielmehr die Entstehung von Musik als Performance. Alles entsteht nur in dem Zeitraum, in dem die Musik erklingt. Deshalb hat jede !OHO! einen ritualisierten Beginn: Alles was nach der Ansage „In diesem Moment beginnt die !OHO!“ stattfindet, ist Bestandteil der jeweiligen Oper. Dadurch entsteht so etwas wie eine „ästhetische Gemeinschaft“ (Kai van Eikels)9, die Teilnahme an einem Aktionsbündnis außerhalb von Alltag und Wirklichkeit. Die – einmalige und unwiederbringliche – musikalische Faktur entsteht in einer und in einer – vom Dirigenten unterstützten und gehaltenen – dichten Präsenz. Die Musiker*innen agieren als Klang und Gesang erzeugende klingende „Persona“10, sie sind intensiv involviert, unmittelbar in ihrer Mitwirkung, Energie und Dynamik.
Beteiligte und Zuhörende erleben aktiv oder passiv das Erfinden von Musik als Performance. Dabei geht es nicht um eine perfekte Aufführung als vielmehr um die gemeinsame „Probe“. Oper jetzt, sofort, ganz, unwiederbringlich. Beide Pole können in der !OHO! aber unscharf werden oder sich vermischen. Das bedeutet die Abkehr von der mehrteiligen westlichen kulturellen Tradition einer Musik- und Opernaufführung: Produkt (Komposition, Interpretation, Einstudierung, Proben, Aufführung) gegen Prozess (Probe = Aufführung).
Ad-hoc-Ästhetik
Die klangliche und stimmliche Struktur basiert auf situativem Ad-hoc-Charakter: unvorhergesehene Einfälle und Überschreitungs- und Flow-Vorgänge. Ich benenne den Vorgang mit dem Begriff der „Emergenz“11, der aus naturwissenschaftlichen Kontexten stammt. Für mich ist Emergenz das wesentliche Schöpfungsprinzip improvisatorischer Prozesse. Die musikalische Faktur ist nicht „Fassung letzter Hand“ im Versuch, die bestmögliche Struktur zu finden, vielmehr tragen improvisatorische musikalische Ergebnisse den Vorgang des eingeschränkten Momentanen immer in sich mit. In der Natur der Sache liegen Begrenzungen (das Repertoire und die Improvisationsoriginalität der Einzelnen, aber auch fehlende Möglichkeiten der Instrumentierung, z.B. weil kein anderer da ist) und Hindernissen, die aus der Situation, die man vorfindet, kommen können (z.B. Missverstehen der Zeichengebung des Dirigenten, Unachtsamkeit von Mitwirkenden).
Die !OHO! zeigt den Vorgang von Interpretation und Darstellung des Textes in ihrer unvorhersehbaren Entfaltung. Es gibt ein Nebeneinander von Perfektion und Nicht-Perfektion, was performativ eine reizvolle Spannung erzeugt. Ich höre dem Improvisator nicht deshalb zu, weil er ,abstürzen‘ könnte wie eine Pianistin, der plötzlich nichts mehr gelingt, sondern weil Absturz als Prinzip immer ,auf der Kante‘12 ist und weil dieses Risiko faszinierend ist (andauernde Frage: Was macht er/sie daraus?).
Dieses Phänomen wird unterstützt und gelenkt durch Eingriffe, die auch sicht- und hörbar sind, die den Prozess gestalten, also keine abgeschlossene Werk-Illusion erzeugen, sondern immer das Machen selbst zeigen. Alles, was geschieht, auch verbale Anweisungen und Nachfragen der Musizierenden usw. sind theatrale Ereignisse.
Abbildung 3: Weiß, Anton Bruckner Privatuniversität Linz 2016
© Karen Schlimp
Forschung zu kollektiver Kreation
Die !OHO! habe ich als Forschungsgegenstand und -mittel bei verschiedenen Symposien vorgestellt beziehungsweise aufgeführt.13 Ich habe mit dem Format !OHO! als kollektiver Forschungsstrategie gearbeitet und entsprechende Textbücher vorgelegt. In von mir so bezeichneten „Wissensopern“ wurde die intermediale Verquickung, der Aufführungscharakter und die besondere ästhetische Gemeinschaft der Beteiligten genutzt, um zu unmittelbaren, unvorhersehbaren und originellen Erkenntnisprozessen14 zu kommen.
Im Rahmen meiner Forschung zu „offener Bühne bzw. Ad-hoc-Kunst“ bzw. „kollektiver Kreation“ habe ich Improvisation als ein Modell für öffentliche Umgangsmusik im Gegensatz zu Darbietungsmusik beschrieben.15 In der Nachfolge meiner Promotion Improvisation als soziale Kunst habe ich über kollektives künstlerisches Schaffen als einen Vorgang der Emergenz gearbeitet, das beinhaltete beispielsweise die Analyse von Kommunikationsstrukturen (Klang als Zeichen16) und das methodische Nachdenken über die Rolle des Dirigenten und sein Dirigat.
Abbildung 4: Weiß, Exploratorium Berlin 2019
© exploratorium berlin
Jede !OHO! ist eine Aufführung, die daran Beteiligte Grenzen überschreiten lässt, andere bei dieser Überschreitung anwesend sein lässt und die vierte Wand zwischen Bühne und Publikum17 aufbricht. Mit Überschreitung meine ich die unmittelbare kommunikative, präsente und körperliche, vorbehaltlose Begegnung, die das Medium Musik im Vorgang improvisierenden Musizierens ermöglicht. Viele !OHO!s haben deshalb bei den Beteiligten immense Erfüllungs- und Glücksgefühle erzeugt, wie ich aus Nachgesprächen erfuhr. Wer daran als Zuhörer oder Teil des Publikums partizipiert, erlebt eben Personen, die nicht bloß etwas produzieren, sondern einen Vorgang in Gang halten, in dem sie sich schöpferisch erfüllen (das meine ich mit dem Begriff „Persona“).
Als !OHO! kommen Stücke auf die Bühne, in denen die Beteiligten im Modus der kollektiven Kreation den Prozess einer Vertonung darbieten. Ich nenne das im Untertitel: „Die Oper findet als Probe statt“. Kollektive Kreation ist dabei kein Arbeitsmodus, der in ein festes (und mehrfach in derselben Form aufführbares) Werk in der „Fassung letzter Hand“ unter dem Namen des Regisseurs mündet. Kollektive Kreation (unter meiner real präsenten Leitung als Dirigenten, mit dem ich auch eine große Verantwortung übernehme) bedeutet Ad-hoc-Session, Musizieren aus dem Moment, Suchen, Verwerfen und Wiederholen, Experimentieren, mit Zeichen dirigieren, verbale Anregungen geben, sich in Leerlauf oder Hochspannung befinden. Sie beinhaltet Momente intensiver persönlicher Entrückung, aber auch Komik und Leichtigkeit, sogar Banalität, um im nächsten Moment sich in einer gemeinsamen mitreißenden dramatischen Dynamik wiederzufinden. All das bietet die Musik, wenn man ihren Weg sucht und nicht auf fertigen Wegen geht18. Für die jeweiligen Texte, die ich im Libretto als Fragmente oft variabel und viabel zusammengestellt habe, ist das die angemessene und poetische Vertonung.
Was ist die Vision, die ich mit der !OHO! verfolge?
Bisher habe ich im Rahmen des Offene-Bühne-Programms des exploratorium berlin aufgeführt. Ich produziere regelmäßig Semester-Aufführungen in der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien. Ich wurde von verschiedenen Musik-Universitäten eingeladen, um mit Studierenden zu arbeiten, auch im Rahmen von Symposien.
Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, mit einem an dem Format interessierten Ensemble auf eine oder mehrere Aufführungen hinzuarbeiten. Denn dieses Format ist nicht nur ein Aufführungsformat, sondern auch eine Arbeitsweise. Es umfasst auch Übungen, Warm-ups, Arbeitsschritte, Vorbereitungen, Strategien (auf die ich in diesem Zusammenhang nicht eingegangen bin). In jedem Falle scheint mir dieses Konzept für die Opernausbildung interessant: als Ermutigung und Einübung zu improvisatorischen Aktionen auf der klassischen Opernbühne; für ein Repertoire-Theater als Mischung von festgelegten und offenen Teilen (improvisatorische Teile in feste Opernstrukturen einbringen). Festivals Neuer Musik könnten das Format im Randprogramm oder zu besonderen Zeiten (z.B. Nachtmusik) in ihr Programm aufnehmen.
Das Format !OHO! ist ein existierendes, erprobtes Verfahren, eine Zukunftsvision für kollektives künstlerisches Arbeiten und ein besonderes, öffentlich immer neu entstehendes und sich wandelndes Musiktheater.
| Ball o.J. (1914) | Hugo Ball, Wolken, Gutenberg Edition 16, 2. vermehrte und verbesserte Auflage, https://www.projekt-gutenberg.org/ball/gedichte/chap045.html (Zugriff: 16. Januar 2025). |
| Fischer-Lichte 2004 | Erika Fischer-Lichte, Ästhetik des Performativen, Frankfurt/Main 2004. |
| Gagel 2010 | Reinhard Gagel, Improvisation als soziale Kunst, Mainz 2010. |
| Gagel 2019 | Reinhard Gagel, „Improvisieren als tiefe Begegnung zwischen Mensch und Klang“, in: European Piano Teachers Association (EPTA) (Hg.), Fantasie. Beiträge vom Kongress in Düsseldorf 2018, vom Seminar in Nürnberg 2019 und vom Kongress in Dresden 2019, Regensburg 2019, S. 81–90. |
| Gagel 2020 | Reinhard Gagel, „Klang als Zeichen. Kollektives Komponieren im Live-Prozess“, in: üben & musizieren 4 (2020), S. 18. |
| Jandl/Maslowska 2013 | Ernst Jandl und Monika Maslowska, Auf dem Land, München 2013. |
| Reichert 2016 | Klaus Reichert, Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen, 2. Auflage, Frankfurt/Main 2016. |
| Van Eikels 2013 | Kai van Eikels, Die Kunst des Kollektiven, München 2013. |
| Wagner 1976/77 | Cosima Wagner, „Richard Wagner“, in: dies., Die Tagebücher. 1869–1883, 2 Bd.e, München 1976/77. |
| Willemsen 2012 | Roger Willemsen, Momentum, Frankfurt/Main 2012. |

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Keywords: Improvisation, kollektive Kreation, Partizipation, Aufführungspraxis
Reinhard Gagel