Dominik Frank (Universität Bayreuth)
Richard Wagner war überzeugter Antisemit. Sein Antisemitismus wurde nicht nur in seinen theoretischen Schriften (beispielsweise in Das Judentum in der Musik) deutlich, sondern manifestierte sich auch in seinen Musikdramen. Der vorliegende Aufsatz1 stellt zuerst Wagners theoretische und pseudowissenschaftlichen Argumentationsmuster vor und zeigt dann, wie der Antisemitismus im Werk Siegfried konkret Niederschlag findet. Am Ende wird die Frage problematisiert, wie wir in der historisch informierten konzertanten Aufführung mit dem Problem der Darstellung und Reproduktion von Antisemitismus umgingen.
In Wagners Denken und Schreiben war sein Antisemitismus ein durchgängiges Leitmotiv. Belege dafür finden sich in den Briefen (z.B. an König Ludwig II. von Bayern: „[…] daß ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen an ihr halte: daß namentlich wir Deutschen an ihnen zugrunde gehen werden, ist gewiß, und vielleicht bin ich der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrechtzuerhalten wußte – […]“2), in seinen in den Cosima-Tagebüchern überlieferten Witzen (z.B. „[Richard] sagte im heftigen Scherz, es sollten alle Juden in einer Aufführung des Nathan verbrennen“3) sowie besonders prominent in seiner 1850 zuerst anonym, 1869 dann unter seinem echten Namen veröffentlichten Hetzschrift Das Judentum in der Musik4. Dieser Text verfolgt nach eigener Aussage Wagners das Ziel, den angeblichen idiosynkratischen Hass, „die unbewußte Empfindung, die sich im Volke als innerlichste Abneigung gegen jüdisches Wesen kundgiebt, zu erklären […,] das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinctmäßige Abneigung zu rechtfertigen“5. Wagner reiht optische und akustische Klischees aneinander, um den „natürlichen Widerwillen gegen jüdisches Wesen“6 zu exemplifizieren. Die Juden seien unfähig, etwas Eigenes schöpferisch hervorzubringen, sie seien auf die schlechte Nachahmung der Kultur, in der sie sich aufhielten, beschränkt:
In einer fremden Sprache wahrhaft zu dichten, ist nun bisher selbst den größten Genies noch unmöglich gewesen. Unsre ganze europäische Civilisation und Kunst ist aber für den Juden eine fremde Sprache geblieben; denn, wie an der Ausbildung dieser, hat er auch an der Entwickelung jener nicht theilgenommen, sondern kalt, ja feindselig hat der Unglückliche, Heimathlose ihr höchstens nur zugesehen. In dieser Sprache, dieser Kunst kann der Jude nur nachsprechen, nachkünsteln, nicht wirklich redend dichten oder Kunstwerke schaffen.7
Besonders ausgeprägt sei die instinktive Abneigung auf dem Felde des (bei Wagner als „wahrste[m] Ausdrucke des persönlichen Empfindungswesens“8 gedachten) Gesanges:
Alles, was in seiner [des Juden] äußeren Erscheinung und seiner Sprache uns abstoßend berührte, wirkt in seinem Gesange auf uns endlich davonjagend, so lange wir nicht durch die vollendete Lächerlichkeit dieser Erscheinung gefesselt werden sollten. Sehr natürlich geräth im Gesange, als dem lebhaftesten und unwiderleglich wahrsten Ausdrucke des persönlichen Empfindungswesens, die für uns widerliche Besonnenheit der jüdischen Natur auf ihre Spitze[.]9
In einer besonders perfiden Metapher beschreibt Wagner die deutsche Kunst als Kadaver, der von Würmern zerfressen wird:
Erst wenn der innere Tod eines Körpers offenbar ist, gewinnen die außerhalb liegenden Elemente die Kraft, sich seiner zu bemächtigen, aber nur um ihn zu zersetzen; dann löst sich wohl das Fleisch dieses Körpers in wimmelnde Viellebigkeit von Würmern auf: wer möchte aber bei ihrem Anblicke den Körper selbst noch für lebendig halten?10
Ergänzt wird der Text um persönliche Angriffe auf Felix Mendelssohn Bartholdy11, den nicht namentlich genannten, aber für zeitgenössische Lesende eindeutig identifizierbaren Giacomo Meyerbeer12 und Heinrich Heine13 sowie Verschwörungstheorien um angeblich „jüdischen Einfluss“14 im Kunstbetrieb. Der Text endet mit der berühmt gewordenen, vieldeutig auslegbaren Aufforderung: „Aber bedenkt, daß nur Eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers, – der Untergang!“.15
Im Musikdrama Siegfried manifestiert sich Wagners Antisemitismus auf unterschiedlichen Analyseebenen. Visuell wird beispielsweise Mime als Prototyp eines antisemitischen Zerrbilds gezeichnet. In einer frühen Fassung des Manuskripts wird er wie folgt beschrieben:
[Mime] ist von kleiner, gedrückter Gestalt, etwas verwachsen und hinkend; sein Kopf ist über das Verhältnis groß: sein Gesicht ist dunkelaschfarben und runzlich; sein Auge klein und stechend, mit rohen Rändern; sein grauer Bart lang und struppig; sein Haupt ist kahl […] Dies alles darf nicht Karikatur sein; bloß wenn er in den äußersten Affekt gerät, darf er selbst durch seine Äußerlichkeit lächerlich werden, doch nie zu grob.16
Deutlich wird Wagners Konstruktion eines Feindbildes, dass zwar auf den ersten Blick lächerlich erscheint und dem sich die Zuschauenden überlegen fühlen können, dass jedoch trotzdem als bedrohlich und wirkliche Gefahr verheißend interpretiert werden soll. Auch akustisch setzt Wagner bei Mime den von ihm selbst im Judentum in der Musik skizzierten angeblichen Sound der jüdischen Sprechweise um:
Als durchaus fremdartig und unangenehm fällt unserem Ohre zunächst ein zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausdruck der jüdischen Sprechweise auf: eine unserer nationalen Sprache gänzlich uneigenthümliche Verwendung und willkürliche Verdrehung der Worte und der Phrasenkonstruktionen gibt diesem Lautausdruck vollends noch den Charakter eines unerträglich verwirrten Geplappers, bei dessen Anhörung unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich mehr bei diesem widerlichen Wie, als bei dem darin enthaltenen Was der jüdischen Rede verweilt.17
All diese ,Kennzeichen' finden sich in der Partitur: Mimes Gesangslinie enthält sehr viele Vorschlagnoten, welche an Wagners Vorstellung des exotischen „Synagogengesanges“18 erinnern. Hinzu kommen die hohe Stimmlage19, die als falsch empfundenen, disharmonischen Töne, der oft „grell“20, „kläglich kreischend“21 und „[im] Falsett“ angelegte Stimmcharakter22, sowie eine Melodieführung, welche die deutsche Sprachmelodie oft nicht respektiert.
Auch im dargestellten Verhalten entsprechen Mime (und Alberich) Stereotypen von als „jüdisch“ diffamiertem Verhalten. Dargestellt werden beispielsweise doppelzüngige Verlogenheit23, die Gold- und Machtgier24, die heimliche Überwachung der Welt25, der heimtückische Vergiftungs- und Mordplan26, die Missachtung von Familienbanden27 sowie die Unterscheidung in die beiden Typologien „Westjude“ (Alberich) und „Ostjude“ (Mime)28.
Diese abstoßende Folie benutzt Wagner, um seinen Helden Siegfried zu rasseideologischer 'Erkenntnis' zu bringen. Siegfried begreift die Unähnlichkeit von sich selbst mit dem einen Menschen nur schlecht mimetisch nachahmenden (und daher treffend „Mime“ genannten) Zwerges (=Juden)29 und sieht aus rassistischer Sicht klar: es „kroch nie [ein] Fisch aus der Kröte“30. Und weiter: „Denn wär’ wo von Mime ein Sohn, müsst’ er nicht ganz Mime gleichen“31. Eine Vermischung unterschiedlicher Wesen wird abgelehnt, die biologistische Moral, die Unmöglichkeit einer Veränderung, wird im Stück vom Wanderer formuliert: „Alles ist nach seiner Art: an ihr wirst du nichts ändern.“32 Dass diese implizite Botschaft des Werkes ankam, zeigt unter anderem ein Zitat von Adolf Hitler: Als 23-jähriger schrieb er unter einen von ihm gezeichneten Kostümentwurf der Titelfigur: „Jung Siegfried, gut bekannt aus den Tagen der Linzer Oper. Wagners Stück zeigte mir erstmal, was Blutmythos ist“.33
In der Vorbereitung der historisch informierten Aufführung des Siegfried (und der Begriff „historisch informiert“ bedeutet in unserem Projekt eben nicht ausschließlich Rekonstruktion von Musikinstrumenten, Aussprache und Gesangsstil, sondern explizit auch, das Werk aus seinem historischen, diskursiven, gesellschaftlichen und politischen Kontext zu lesen) stellte sich, noch stärker als schon beim Rheingold, die Frage, wie wir mit den dem Werk eingeschriebenen antisemitischen Klischees und Topoi umgehen sollten. Wir trafen die Entscheidung, dass wir den werkimmanenten Antisemitismus auf keinen Fall nivellieren oder ignorieren wollen. Stattdessen sollten die antisemitischen Aspekte der Figuren und der Gesamthandlung bewusst ausgestellt werden, ohne jedoch die Charaktere auf diese Dimension zu verengen (denn selbstverständlich sind Mime und Alberich nicht nur antisemitische Karikaturen, sondern paradoxerweise auch komplexe, psychologisch ausdeutbare Figuren). Damit stellt sich allerdings die Frage, wie wir damit umgehen, dass hiermit antisemitische Klischees zwangsläufig reproduziert werden. Da diese Reproduktion von Antisemitismus jedoch ohnehin bei jeder Aufführung des Siegfried passieren würde (und passiert), solange man nicht massiv in das textliche und musikalische Material Wagners eingreifen würde, halten wir die gewählte Lösung, den Antisemitismus des Werkes bewusst auszustellen, für die noch angemessenste unter mehreren problematischen Lösungen. Dadurch möchten wir zur Diskussion stellen, ob und wie das Werk in einer demokratischen, jedoch noch immer von antisemitischen Vorurteilen und Straftaten geprägten Gesellschaft, auf die Bühne zu bringen ist. Das Ignorieren (oder gar Leugnen) des Problems, ist für eine Aufführung, welche sich selbst als historisch informiert begreift, keine Option.
| Adorno 1952 | Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner, Frankfurt a. Main 1952. |
| Fest 2000 | Joachim Fest, „Richard Wagner – Das Werk neben dem Werk. Zur ausstehenden Wirkungsgeschichte eines Großideologen“, in: Richard Wagner im Dritten Reich, hg. von Saul Friedländer und Jörn Rüsen, München 2000. |
| Fischer 2015 | Jens Malte Fischer, Richard Wagners ,Das Judentum in der Musik’. Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus, Würzburg 2015. |
| Wagner 2014 | Richard Wagner, Siegfried. Klavierauszug nach der Gesamtausgabe, Mainz 2014. |
| Weber 1869 | J. J. Weber (Hg.), Richard Wagner: Das Judentum in der Musik, Leipzig 1869 https://archive.org/details/WagnerRichardDasJudentumInDerMusik186941S./page/n1/mode/2up (Zugriff: 28. April 2026). |
| Weiner 2000 | Mark A. Weiner, Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000. |

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Keywords: Wagner, historisch informierte Aufführungspraxis, Siegfried, Antisemitismus
Dominik Frank