„Wer – bin ich, wär’ ich dein Wille nicht?“ – Eine psychodynamische Analyse transgenerationaler Abhängigkeitsverhältnisse in Wagners Ring des Nibelungen

Sophia Feulner (Universität Bayreuth)

 

Die Erzählung in Wagners Ring des Nibelungen folgt dem Schicksal derselben Familie über mehrere Generationen. Wotan, der im Ring als ,Ur-Vaterʻ auftritt, ist dabei eine äußerst präsente Figur. Selbst, wenn er sich nicht auf der Bühne befindet, wird er durch seine Töchter, Sieglinde, Brünnhilde und die Walküren, heraufbeschworen und im Wortsinn vergöttert. Aber auch Wotan selbst zeigt eine ungewöhnliche Bindung zu seinen Kindern, vor allem zur erklärten Lieblingstochter Brünnhilde. Besonders deutlich wird dies in Siegfried (III. Aufzug, 2. Szene), als sich Siegfried und Wotan einen wahren Wettstreit der Phallussymbole (der „ewig[e] Speer“1 gegen das „zauberstark zuckende Schwert“2 Nothung) um die schlafende Tante beziehungsweise Tochter Brünnhilde liefern. Sigmund Freud ist hier weder zeitlich noch ideengeschichtlich (noch namentlich) weit vom Ring entfernt.

In der Götterdämmerung tritt Wotan als Figur zwar nicht mehr aktiv auf, aber wir erfahren von seiner Tochter Waltraute, wie es ihm nach Siegfried ergangen ist. Und auch Brünnhilde wendet sich im Verlauf des Musikdramas immer wieder an ihren Vater, zuletzt in ihrem großen Schlussgesang. Sie kann sich bis zum Ende nicht von ihm lösen.

Unter besonderer Berücksichtigung der verwendeten Symbolik werden in diesem Artikel Waltrautes und Brünnhildes Beziehungen zu ihrem Vater untersucht.

„[E]r gedachte, Brünnhilde, dein’!“3 – Waltraute

Waltraute tritt zum ersten Mal im III. Aufzug der Walküre auf, als eine von acht Schwestern (wenn man Brünnhilde für den Moment ausklammert); daher nimmt man sie anfangs nicht als Individuum wahr. Wirft man jedoch einen genaueren Blick auf das Libretto, fällt schnell auf, dass Waltraute sich sehr aktiv an der Handlung beteiligt. Eine ihrer Passagen deutet schon auf ihre eifersüchtigen Gefühle in der Götterdämmerung hin: „Auf sie [Brünnhilde] noch harren / müssen wir hier: / Walvater gäb’ uns / grimmigen Gruß, / säh’ ohne sie er uns nahn!“4

Dennoch trifft sich Waltraute mit ihrer verstoßenen Schwester und setzt sich dabei explizit über Wotans Befehle hinweg. Sie nimmt diesen Verstoß jedoch in Kauf, um ihrem Vater zu helfen und dessen Willen zu erfüllen; eine Handlung, die stark an Brünnhildes versuchte Rettung von Siegmund in der Walküre erinnert. Hier liegt die Vermutung nahe, dass Waltraute in Brünnhildes Fußstapfen treten und sich durch ihre Tat profilieren möchte.

An Brünnhildes Felsen angekommen, schildert Waltraute ihrer Schwester die folgende Situation: Seit Wotan sich von Brünnhilde getrennt habe, irre er nur noch durch die Welt, auch die Walküren sende er nicht mehr aus. Vor kurzer Zeit sei er mit zerschlagenem Speer heimgekehrt. Daraufhin habe er den Helden Walhalls befohlen, die Weltesche zu fällen und einen Scheiterhaufen um die Götterburg zu errichten. Dann habe er alle in der riesigen Halle versammelt. „So – sitzt er, / sagt kein Wort, / […] des Speeres Splitter / fest in der Faust“,5 erzählt Waltraute. Erst, als sie sich weinend an seine Brust geworfen hätte, habe er kurz Notiz von ihr genommen – in Gedanken sei er jedoch bei Brünnhilde gewesen: „[D]a brach sich sein Blick – / er gedachte, Brünnhilde, dein’! / Tief seufzt’ er auf“.6 Nur wenn Brünnhilde den Ring an die Rheintöchter zurückgäbe, könne alles wieder gut werden, habe Wotan gesagt. In dieser Hoffnung nun habe sie Brünnhilde aufgesucht.

Zunächst versteht Brünnhilde nicht, was Waltraute genau von ihr will. Als sie endlich begreift, weist sie Waltrautes Bitte wütend zurück: „Geh hin zu der Götter / heiligem Rat; / von meinem Ringe / raune ihnen zu: / die Liebe ließe ich nie, / mir nähmen nie sie die Liebe – / stürzt’ auch in Trümmern / Walhalls strahlende Pracht!“7

Diese Szene wirft Licht auf mehrere Zusammenhänge. Für Brünnhilde handelt es sich um einen erneuten Versuch, sich von ihrem Vater zu lösen. Für Waltraute ist es eine zutiefst verletzende und traumatisierende Situation: Ihr Vater hat sich sehr verändert, seit er sich von seiner Lieblingstochter getrennt hat, und scheint sich nicht mehr für sie oder ihre Schwestern zu interessieren. Da er den Walküren keine Aufträge mehr gibt, besteht keine Möglichkeit mehr, sich regelmäßig Anerkennung von ihm, dem Übervater, zu verdienen. Er sitzt nur da, in seinen depressiven Gedanken gefangen, und wartet darauf, dass jemand den Scheiterhaufen entzündet, den er rings um Walhall errichtet hat. In seinen Händen hält er ein zerstörtes Phallussymbol, das auf den Verlust seiner ursprünglichen Potenz und ausbeuterischen Macht sowie die Veränderung seiner fragwürdigen Beziehung zu Brünnhilde verweist: Als Siegfried mit seinem Schwert den Speer zerschlägt und seinen Großvater damit symbolisch kastriert, hat Wotan jeden körperlichen Zugang zu Brünnhilde verloren. Trotzdem bleibt sein Denken auf Brünnhilde fixiert; seine anderen Töchter, auf der Bühne vertreten durch Waltraute, ignoriert er.

Waltrautes Trauma wird in der Musik durch die wie abgebrochen wirkenden Bläserfiguren in Dauerschleife symbolisiert, welche musikalisch an ein kastriertes Walhall-Motiv und psychologisch an katatonisches Wippen erinnern, ein Symptom, wie es etwa bei depressiven Patient*innen auftreten kann.8

„Meine Klage hör, / du hehrster Gott!“9 – Brünnhilde

In der 2. Szene des II. Aufzugs der Walküre wird kurz nach Brünnhildes erstem Auftritt bereits die spezielle und problematische Beziehung zwischen Wotan und Brünnhilde in zwei Sätzen auf den Punkt gebracht. Brünnhilde singt: „Zu Wotans Willen sprichst du, / sagst du mir was du willst: / wer – bin ich, / wär’ ich dein Wille nicht?“10 Und Wotan antwortet bestätigend: „[M]it mir nur rat’ ich, / red’ ich zu dir.“11 Es wird ersichtlich, wie sehr sich Brünnhilde nurmehr als Erweiterung ihres Vaters versteht, und dass Wotan sie darin bestärkt. Auch die Attribute, mit denen Brünnhilde in der Walküre assoziiert wird, stammen von Wotan: ihre Rüstung (die namensgebende „Brünne“), ihr Helm, ihr Pferd Grane, ihr Speer und ihr kriegerisches Auftreten. „Hörst du’s, Brünnhilde? / du, der ich Brünne, / Helm und Wehr, / Wonne und Huld, / Namen und Leben verlieh?“,12 schleudert Wotan seiner Tochter im III. Aufzug entgegen.

Dass diese Beziehung sogar noch weiter geht, lässt unter anderem eine Passage aus Wotans Abschied vermuten, in der Wotan davon singt, wie oft er Brünnhilde geküsst habe. In einem Opernzyklus, in dem Inzest in hohem Grade zelebriert wird, liegt die Vermutung nahe, dass auch zwischen Wotan und Brünnhilde eine inzestuöse Beziehung besteht; vor allem im Hinblick auf die oben erwähnten Szene, in der Wotan Siegfried davon abhalten möchte, zu Brünnhilde vorzudringen. Diese Vermutung wird bestätigt durch ein Zitat von Wagner: „Er [Wotan] ist hier vor seinem Untergange so unwillkürlicher Mensch endlich, daß sich – gegen seine höchste Absicht – noch einmal der alte Stolz rührt, und zwar (wohlgemerkt!) aufgereizt durch – Eifersucht um Brünnhilde; denn diese ist sein empfindlichster Fleck geworden.“13

Als Brünnhilde Wotans Befehle missachtet, bestraft er sie, indem er sie auf einem Felsen in Schlaf versetzt. Mit diesem Zauber geht der Verlust von Brünnhildes Göttlichkeit und schließlich auch ihrer ,Jungfräulichkeitʻ einher. Ihre bisherige Identität als Walküre beziehungsweise als „Brünn-hilde“ verliert sie dabei aber eigentlich noch nicht, denn sie schläft in voller Rüstung ein, auch ihr Pferd Grane befindet sich bei ihr. Diese Verletzung ist Siegfried vorbehalten, der in dem Glauben, der schlafenden Frau einen Gefallen zu tun, die Brünne durchschneidet. Brünnhilde reagiert entsprechend: „Verwundet hat mich, / der mich erweckt! / Er erbrach mir Brünne und Helm: / Brünnhilde bin ich nicht mehr!“14

Aus Rheingold und Walküre, aber auch aus Parsifal und Lohengrin wissen wir, wie wichtig Namen beziehungsweise die Namensgebung bei Wagner sind – man denke hier beispielsweise an Siegmund, der sich zunächst „Wehwalt“ nennt und erst durch seine Zwillingsschwester Sieglinde seinen ,echtenʻ Namen erhält; oder an die Götterburg, die Wotan im Rheingold auf den Namen „Walhall“ tauft. Konsequenterweise dürfte Brünnhilde von diesem Zeitpunkt an also nicht mehr „Brünn-hilde“ heißen, denn mit dem Verlust der bisherigen (durch den Vater gestifteten) Identität müsste auch der Verlust des (vom Vater gewählten) Namen einhergehen.

Wie dem auch sei, Brünnhildes neue, ebenfalls an einem Mann orientierte Identität lässt nicht lange auf sich warten; im Vorspiel der Götterdämmerung geht Brünnhilde jedenfalls, glaubt man dem Libretto und der Musik, vollständig in ihrer Rolle als demütig liebende Ehefrau auf. Passend zu Siegfrieds kindlicher Naivität behauptet sie, auch sie sei nun „[d]es Wissens bar“15 und könne „heiliger Runen reichen Hort“16 nicht mehr nutzen. Außerdem trägt sie laut Libretto ein „weiche[s] weibliche[s] Gewand[…]“.17 Der Ring, den Siegfried ihr gibt, kennzeichnet sie als dessen Ehefrau. Im Gegenzug verschenkt Brünnhilde ihr Pferd Grane, das einen letzten Bezug zu ihrer Vergangenheit darstellt.

Nach der Vergewaltigung durch Siegfried am Ende des I. Aufzugs ist Brünnhilde dann nur von dem Gedanken erfüllt, Rache zu nehmen. Anstatt diese jedoch selbst auszuführen, lässt sie Hagen freie Hand – das erinnert an Sieglinde in der Walküre, die, anstatt ihren Ehemann Hunding zu vergiften und somit alle Probleme auf einmal loszuwerden, diesem lediglich einen Schlaftrank verabreicht und die eigentliche Tat ihrem Liebhaber und Bruder überlässt. So verherrlicht auch Brünnhilde in ihrem Schlussgesang zunächst ihren verstorbenen Ehemann Siegfried („Wie Sonne lauter / strahlt mir sein Licht: / der Reinste war er, / der mich verriet“18) und opfert sich anschließend für ihren Vater („Weiß ich nun, was dir frommt? / […] „Ruhe, ruhe, du Gott“19).

Muss man Brünnhilde nun abstempeln als Figur gewordene Schablone einer patriarchalen Fantasie des 19. Jahrhunderts?

Vielleicht kann man einige Dinge auflisten, die für eine Emanzipation der Figur sprechen. Da wäre zum einen die Tatsache, dass Brünnhilde sich über Wotans Befehle hinwegsetzt. Natürlich kann man argumentieren, dass sie eigentlich nur „Wotans wahren Willen“ ausführen möchte, indem sie versucht, Siegmund zu retten. Andererseits wird aus ihrem Gespräch mit Siegmund im II. Aufzug der Walküre klar, dass sie durch Mitleid mit Siegmund und Sieglinde dazu bewegt wird, sich gegen ihren Vater zu wenden (sie wird quasi „[d]urch Mitleid wissend“20…). Es handelt sich also durchaus um eine eigenständige Entscheidung. Nicht außer Acht zu lassen sind außerdem einige wichtige Ideen, die von Brünnhilde stammen: Beispielsweise ist sie diejenige, die in der Walküre den Namen „Siegfried“ aussucht (und die auch zum ersten Mal das Siegfried-Motiv singt). Sie denkt sich den Feuerkreis aus, der sie schützen soll, während sie auf dem Felsen schläft. Sie ist diejenige, die weiß, dass Siegfried derjenige sein wird, der Wotans Vorstellung vom „freien Helden“ am nächsten kommen wird. Sie weiß, dass nur der „hehrst[e] Hel[d] der Welt“21 sie erwecken wird. Insofern kann man annehmen, dass ihre Beziehung mit Siegfried von ihr durchaus so gewollt und orchestriert ist (selbstverständlich mit Ausnahme der Vergewaltigung und den darauf folgenden Geschehnissen am Gibichungenhof).

In diesem Zuge stellt sich die Frage, wie viel Brünnhilde überhaupt weiß beziehungsweise vorhersieht. Denn auch die Götterdämmerung wird ja von ihr schon am Ende von Siegfried heraufbeschworen: „End in Wonne, / du ewig Geschlecht! / Zerreißt, ihr Nornen, das Runenseil! Götter-Dämm’rung, / dunkle herauf!“22 Hier tut sich ein gänzlich neues Feld auf. Bedenkt man nämlich, dass nicht nur Wotan Brünnhilde „Wonne und Huld, / Namen und Leben verlieh“,23 sondern dass Brünnhildes Mutter Erda mindestens genauso sehr an der Entstehung beteiligt war, wird klar, dass Brünnhilde etwas von Erdas prophetischer Gabe geerbt hat. Daher weiß Brünnhilde am Ende von Siegfried, dass die Götterdämmerung bevorsteht; ebenso wie ihr eigenes und Siegfrieds Ende: „Lachend muß ich dich lieben; / lachend will ich erblinden; / lachend laß uns verderben – / lachend zu Grunde gehen!“24 Das Ende der Götterdämmerung könnte für Brünnhilde also durchaus die persönliche Erfüllung einer Zukunft sein, die sie vorhergesehen hat. In diesem Falle hätte sie vielleicht gar keine andere Wahl, als sich zu opfern.

Es lässt sich konstatieren: Sowohl Waltraute als auch Brünnhilde haben äußerst schwierige Beziehungen zu ihrem Vater Wotan, die durchaus inzestuöse Züge annehmen. Während sich Waltraute bis zum Schluss in kompletter Abhängigkeit zu Wotan befindet, gelingt es Brünnhilde zumindest zeitweise, sich von ihm zu lösen. Trotz ihrer Bindung an mindestens einen Mann (Wotan und/oder Siegfried) werden im Libretto interessante Reibungen erzeugt, die suggerieren, dass Brünnhilde mehr weiß als ihr Vater und sogar künftige Ereignisse vorhersehen kann. Die Tatsache, dass sie Siegfried seinen Namen verleiht und insgeheim plant, von ihm erweckt zu werden, macht sie zur aktiven Gestalterin ihrer eigenen Zukunft und erzeugt einen starken Kontrast zur Märtyrerin der Götterdämmerung, die sich für ihren Vater opfert.

Fußnoten

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[1] Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Libretto), Stuttgart 2022, S. 305.
[2] Ebd., S. 135.
[3] Ebd., S. 358.
[4] Ebd., S. 173.
[5] Ebd., S. 358.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 361.
[8] Dusan Hirjak, Geva A. Brandt und Georg Northoff, „Die Katatonie in der ICD-11“, in: InFo Neurologie + Psychiatrie 26, Heidelberg 2024, S. 26–30, hier S. 26.
[9] Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Libretto), Stuttgart 2022, S. 426.
[10] Ebd., S. 140f.
[11] Ebd., S. 141.
[12] Ebd., S. 186.
[13] Richard Wagner, Brief an August Röckel vom 25. Januar 1854.
[14] Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Libretto), Stuttgart 2022, S. 315.
[15] Ebd., S. 332.
[16] Ebd.
[17] Ebd., S. 308.
[18] Ebd., S. 425.
[19] Ebd., S. 426.
[20] Richard Wagner, Parsifal (Libretto), Stuttgart 1993, S. 18.
[21] Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Libretto), Stuttgart 2022, S. 182.
[22] Ebd., S. 321.
[23] Ebd., S. 186.
[24] Ebd., S. 321.

Quellen

Hirjak et al. 2006Dusan Hirjak, Geva A. Brandt und Georg Northoff, „Die Katatonie in der ICD-11“, in: InFo Neurologie + Psychiatrie 26, Heidelberg 2024, S. 26–30.
Wagner 1993Richard Wagner, Parsifal (Libretto), Stuttgart 1993.
Wagner 2022Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Libretto), Stuttgart 2022.

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Keywords: Wagner, historisch informierte Aufführungspraxis, Ring des Nibelungen, Brünnhilde

Sophia Feulner